Ein Tag auf See (by David Schynoll)

Was erwartet mich auf einer Atlantiküberquerung?

Auf einem fast hundert Jahre alten Schiff ohne Motor? Das habe ich mich bei Reiseantritt in der Karibik gefragt, das frage ich mich auch heute noch, eineinhalb Monate später. Es erwarten mich viele Herausforderungen und eintönige Stunden. Immer gleiche Tage mit den immergleichen Abläufen und Routinen, die doch jeder für sich ganz einzigartig sind und in jedem Moment ein Gefühl von Abenteuer mit sich bringen. Die Tage verschwimmen ineinander und würde ich nicht Tagebuch führen, ich hätte meine Schwierigkeiten, das Datum oder den Wochentag, ja gar den Monat zu erraten. Manchmal verschwimmen sie in einem Traum aus Wellen und Wind, Sternen und Wolken.

Die Zeit fliegt nur so vorbei, eine Schicht folgt der nächsten. Schlafen, Aufstehen, Essen, Segeln, Essen, Lesen, Schlafen. “Was gab es gestern noch gleich zu Mittag? Sauerkraut mit Kartoffelpürree und Spiegelei? Oder war das das Abendessen zwei Tage zuvor? – Ich weiss es nicht mehr, lecker war es auf jeden Fall.
Beim Segeln zeigt sich mal wieder, wie wichtig gutes Essen ist und wie eine warme Mahlzeit in der Kombüse den verregnetsten und kältesten Tag gar nicht mehr so schlimm erscheinen lässt.

So manches Mal verschwimmen die Tage aber auch zu einem zähen, anstregenden und kaltklammen Brei. Der Wellengang lässt uns nicht schlafen und schon beim Frühstück verteilt sich der Inhalt meiner Kaffeetasse noch vor dem ersten Schluck flächenddeckend auf dem Tisch und den Klamotten meiner Mitstreiter.
Die stockdunklen, kalten Nachtschichten wollen nicht enden und falle ich dann schließlich doch todmüde ins Bett, lässt mich der Gedanke daran, dass ich in kaum drei Stunden wieder geweckt werde, nicht einschlafen. Aber es hat ja auch niemand behauptet, dass Segeln nur angehm ist. Welches Abenteuer ist das schon?
Und Herausforderungen sind es schließlich, die uns wachsen lassen…

“Good morning foxhole” – 07:15 Ein Kollege der anderen Watch ist in unsere acht Personen Kabine heruntergestiegen, um uns zu wecken. Er empfiehlt warme Kleidung. Raus aus dem gemütlichen Bett? Muss das wirklich schon wieder sein? Naja, aber oben locken warmes Porridge und heißer Tee. Also los. Aus dem Bett schwingen, festhalten nicht vergessen. Zwei Paar Socken, lange Unterhose, warmer Wollpullover. Ein kalter, aber blauer Himmel erwartet uns. Der Wind macht sofort wach.
Während die Sonne am Himmel emporsteigt, entledigen wir uns einer Kleiderschicht nach der anderen.
Später darf ich am Mast hochklettern um an einem der oberen Segel ein Paar “Seile” zu tauschen. Toller Ausblick auf das spiegelglatte, glitzernde Meer.
Ich kann mir mal wieder keinen Ort vorstellen, an dem ich jetzt lieber wäre. Wieder zurück an Deck, werden wir vom Steuermann losgeschickt, um an einigen der dutztenden von Tauen zu ziehen. Fachausdruck: “Segel trimmen”. Danach gleiten wir einen Knoten schneller durchs Wasser. Hat sich also gelohnt.

Schon ist die Vormittagsschicht vorbei und das Mittagessen wartet. Danach ab ins Bett. Noch ein paar Seiten lesen, schon übermannt mich der Schlaf.
Sechs Stunden später heißt es dann schon wieder: “Wake-up time! Abendessen ist fertig. Zieht Euch warm an und vergesst nicht, Eure Regenjacken und Gummistiefel.”
Strömender Regen erwartert uns oben auf Deck, das wird ein Spaß, wenn wir gleich das Geschirr spühlen müssen. Aber bei dem Wellengang werden wir wohl ohnehin klitschnass gespritzt. “Ach wäre ich doch noch in meinem warmen Bett”. Meine Stimmung ist mies.

Kurze Zeit darauf stehen wir zu dritt auf dem Vordeck und ziehen an den Schoten um die Segel noch dichter zu holen. Hier vorne steigt das Deck bis zu drei, vier Meter über die Wasseroberfläche, um kurz darauf mit gewaltigem Krachen wieder auf selbiger aufzuschlagen. Eine riesige Welle erwischt uns alle frontal und wir triefen von oben bis unten. Auch das noch. Aber dann beginnt einer meiner Mitstreiter plötzlich zu jubeln, und lässt sich voller Genuss von der nächsten Welle erwischen. Eigentlich hat er ja Recht, sind doch eh schon nass. Ist ja eigentlich auch ganz spaßig. Es zeigt sich wie so oft, die richtige Einstellung und Haltung entscheiden darüber, ob wir einen Moment als einen Guten oder einen Schlechten empfinden.

Mit einer Hand halte ich mich am Schiff fest, mit der anderen umgreife ich fest das Steuerrad. Der kalte Wind pfeift mir um die Ohren. Das Schiff stampft mit zehn Knoten durch das brodelnde Wasser. Was für ein berrauschendes Gefühl. Die Augen wandern zwischen Kompassnadel und der Windfahne an der Mastsptize hin und her. Meine Stunde am Steuer vergeht wie im Flug und schon sitze ich im Navigationsraum um mich aufzuwärmen. Dann ist es auch schon Mitternacht und wir übergeben an die andere watch und kriechen in unsere Kojen.

04:00 – “Good morning foxhole, wake-up time!” Vier Uhr? VIER UHR? Was für eine doofe Idee, die ganze Nacht lang durchzufahren. Aber wir sind hier nicht an Land. Wir sind auf dem Meer und wir segeln. Ausschlafen kann ich auch zu Hause noch. Also ab an Deck.

Wow. Die Wolken sind verschwunden und ein atemberaubender Sternenhimmel erwartet uns. Ganz ruhig gleiten wir durch das Wasser, welches durch das Leuchten von myrianden winziger, floureszierender Kleinstlebewesen zu einem Abbild des Firmaments wird. Ich kann mich nicht entscheiden, ob der Blick nach oben oder der nach unten beeindruckender ist.

Später bekommen wir noch Besuch von “Fairy-Dolphins”, deren durchs Wasser schießende, leuchtende Körper lange schimmernde Streifen nach sich ziehen.
Diese magischen Momente sind es, die mir noch lange in Errinnerung bleiben werden.

Das erste Glitzern der ersten Morgensonne kündigt den nächsten Tag auf See an.
Welche Abenteuer er wohl für uns bereit hält?

 

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