Die „Tres Hombres“ auf dem Trockenen (von Daniel Haller)

Freiwillig und gemeinsam

Die Männer schnappen sich Handschuhe, einer behilft sich mit einer Decke. Dann kommt der Deckel am Ende das langen Kastens weg. Dampf steigt auf. Rasch holen sie die heiße Planke raus. Aber halt: Unter einer Planke stellt man sich ein Brett vor. Diese hier gleicht aber mit 8 cm Dicke eher einem Balken. Sie bringen ihn zum Backbord-Achterschiff der auf dem Trockenen stehenden „Tres Hombres“, wo entfernte Planken ein Loch im Rumpf hinterlassen haben, durch das man das ehemalige Stevenrohr sehen kann aus der Zeit, als das Schiff noch unter Motor fuhr. Routiniert fixieren sie das spitz zulaufende Ende mit Schraubzwingen an der unter dem Loch liegenden Planke fest, pressen es mit einem Balken und Stahlpressen an den Rumpf. Dann wird klar, weshalb Schraubzwingen ihren Namen tragen: Meter für Meter zwingen sie die ursprünglich gerade Planke an den gewölbten Rumpf, geben ihr so auch die notwendige Verwindung. Nach rund einer halben Stunde Hin und Her schmiegt sich das dicke Holz an den Rumpf, kann über Nacht abkühlen und so die Form annehmen, mit der es in die Außenhaut des Schiffs passt.

Stundenlang haben die Freiwilligen, die bei der jährlichen Überholung der „Tres Hombres“ mitarbeiten, in umfunktionierten Gasflaschen Wasser gekocht, den Dampf mit dicken Schläuchen in die Kammer geleitet, die mit alten Schlafsäcken und Wolldecken isoliert ist. Gleichzeitig haben andere an weiteren Planken gearbeitet, aus langen Sperrholzstreifen Schablonen gefertigt, aus den roh in der Sägerei geholten Douglasienbohlen die grobe Form herausgeschnitten, gehobelt, geschliffen. Eine gestern bereits mit Dampf vorgeformte Planke an Steuerbord haben sie eingesetzt, mit Stahlpressen, Wagenhebern, Keilen und Schraubzwingen befestigt, mit einem grossen Schlägel in die Position geklopft und sie dann wieder heruntergeholt, um die letzten Anpassungen von Hand auszuhobeln. Die Endmontage am späten Nachmittag will noch nicht klappen. Sie nimmt fast den ganzen nächsten Tag in Anspruch.

Innen ist das Schiff weitgehend leer. Die Zwischenwände sind entfernt, selbst die stählernen Wassertanks wurden aus ihrer Verankerung gehoben, damit die Spanten zugänglich wurden, an denen die alten befestigt waren und neuen Planken mit dicken Schlosserschrauben befestigt werden. Zugleich kommt man so an Stellen heran, die man sonst nicht entrosten könnte. Der Lärm der mit Druckluft betriebenen Nadel-Entroster, der Handhobelmaschinen und Winkelschleifer, mit denen an verschiedenen Stellen gearbeitet wird, wäre zwischendurch ohne Gehörschutz nicht auszuhalten. Trifft man sich zur Kaffeepause oder Mittagessen, tauchen aus dem Rumpf staubige Gestalten auf. Wer zwischendurch eine helfende Hand benötigt, findet sie schnell.

Was beim ersten Eindruck noch als Chaos erscheint, stellt sich schnell heraus als Ansammlung guten Willens, der mit wenigen Worten zu koordinieren ist. Wie auch an Bord spricht man Englisch. Dazwischen ist Französisch zu hören, Deutsch und Holländisch. Ebenso vielfältig wie die die Herkunft sind die Berufe: Eines Morgens steht eine kanadische Flugzeugmechanikerin mit Pinsel und Farbe auf dem Gerüst, die ihren Job bei Boeing aufgegeben hat. Der Deutsche Elektroingenieur, dem seine Aufgaben in der Autoindustrie nicht mehr gefallen haben, schreinert seine erste Planke. Sie passt. Und als ich beim Ausbau des total verrosteten Türschlosses des Niedergangs zum Foxhole eine Trennscheibe benötige, mit der nicht ungefährlichen Maschine aber keine Erfahrung habe, greift der Ungar mit den Dreadlocks für mich zur Flex. Er bringt sowohl Erfahrung aus der Schwerindustrie mit als er auch als Videoproduzent tätig war. Den Ersatz für das Relief am Bug, das bei der Rückkehr über den Atlantik zu Bruch ging, schnitzte eine junge holländisch Schreinerin, die auf einem Neunmeter Boot wohnt wie anderswo Alternativjugendliche im Bauwagen. Gestrichen wird das Werk dann von der deutschen Holzbildhauerin mit Architekturstudium. Hämmert auf der einen Seite des Schiffs elektronifizierter Rap aus dem Lautsprecher durch den Maschinenlärm, läuft auf der anderen Seite Mali-Blues und Fela Kutis Afropop.

Die Jobs verteilt ein Holländer, der seit Beginn der „Tres Hombres“ dabei ist. Ihn langweilte seine Arbeit auf dem Bau zunehmend, weil es immer mehr nur noch um die Montage vorgefertigter Häuser gegangen sei. Dann wird mit lautem Hallo die israelische Schiffsoffizierin begrüsst, die auch gleich noch eine Freundin in Arbeitsklamotten mitgebracht hat. Der französische DJ, der seine elektronische Ausrüstung auf jenem Schiff installiert hat, auf dem wir provisorisch untergebracht sind, hobelt von außen die neu eingesetzten Planken glatt, während der ehemalige Testski-Fahrer und Outdoorartikel-Vermarkter aus Frankreich und eine Rigg-Spezialistin aus Holland Hanf in die Ritzen hämmern und diese dann mit Teer verschließen. „Love Tar“ – „liebe Teer“ – hat jemand mit einem schwarzen Handabdruck auf den im Freien stehenden Kühlschrank geschrieben, der Butter und Käse für die Zwischenmahlzeiten oder das Feierabendbier beherbergt.
Theoretischer Arbeitsschluss ist um um sechs, aber vor halb sieben beginnt kaum jemand, die Werkzeuge wegzuräumen, die Kabel aufzurollen und die Hobelspäne mit dem Besen zusammenzuwischen. Die meisten sind noch nie auf der „Tres Hombres“ mitgesegelt. Einige hoffen, in Zukunft mal mitfahren zu können, andere sind mit leuchtenden Gesichtern einfach nur so stolz darauf, hier gegen Bett und Essen beim Aufbau einer Alternative mitzuhelfen.

Von Corona gebremst
Mittwoch, Tag-und-Nacht-Gleiche, Herbstanfang: Der Wind ist heftig. Die flache Schale mit der Farbe reisst er mir fast aus der Hand. Tauche ich die Rolle in das Schwarz auf Leinölbasis, reisst manchmal eine Bö einen Farbfaden in die Luft. Solange ein Kollege mit Abdeckband die Wasserlinie abklebt, muss ich deshalb aufhören, um ihn nicht zu bekleckern. Später „verfolgt“ er mich und streicht seinerseits mit kupferhaltiger Antifoulingfarbe den Bereich unterhalb des Abdeckbands, während mit ein schwarzer Farbtropf aufs linke Brillenglas fliegt, als ich den Rumpf über der Wasserlinie mit elegant glänzendem Schwarz überziehe.
Vor anderthalb Wochen haben wir die Whisky-Planke eingesetzt. So heisst die letzte Planke, die den Rumpf wieder verschließt und die – analog zur Aufrichte bei einem Gebäude an Land – mit einer Flasche der entsprechenden Spirituose und einer kurzen Ansprache gefeiert wird. Damit war die Arbeit an der Außenhaut aber längst noch nicht abgeschlossen: Neben dem Kalfatern der Fugen mit Hanf und Teer haben wir all die Löcher, in welche die Schrauben versenkt sind, mit Holzzapfen verschlossen. Neben den neuen Planken wurden all die kleinen Stellen geschliffen und grundiert, an denen der alte Anstrich abblättert. So bekam der Rumpf das Aussehen eines Flickenteppichs – da macht nun der Schluss-Anstrich doppelt Freude.

Trotz des Windes ist die Stimmung fast euphorisch. Zwar hätten wir die Tres Hombres heute ins Wasser lassen wollen. Doch die allgegenwärtigen Corona-Schutzmassnahmen haben den Fortgang der Arbeit verzögert. Aber nun steigt die Stimmung: Überall wird gestrichen, diesmal zu Latino-Rhythmen. Endspurt. Das Schiff soll übermorgen ins Wasser. Die Party werde ich allerdings verpassen: Da in ganz Europa die Corona-Zahlen steigen, hätten meine Angehörigen in der Schweiz kein Verständnis, wenn ich den Aufenthalt verlängern würde. So mache ich mich auf den Heimweg. Aber das Gefühl sagt: Es muss ja nicht das letzte Mal gewesen sein.

Share this post:

Neueste Nachrichten, Blogs und Events

Folgen Sie unseren Abenteuern auf Instagram!