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Douarnenez

Douarnenez – seit Tagen bin ich dem rauen Charme dieses Bretonischen Küstenorts verfallen. Streife durch’s Centre Ville, sitze im Café und schreibe in mein Tagebuch, verfalle immer wieder aufs neue Croissant, Pain au chocolade, Crépes und Cidre. Und genieße in vollen Zügen die heiße Dusche im Hafen.

Douarnenez – erstes Etappenziel dieser transatlantischen Reise der Tres Hombres und mein erster Hafen nach fünf Tagen und Nächten auf See. Nun, wenn ich dachte, ich wüsste etwas von Segeln, so wurde ich eines Besseren belehrt. Nicht zu vergleichen mit allen bisherigen Erfahrungen. Von einem Moment auf den anderen hieß es umschalten auf einen Wachtrhythmus, der die Schlaf- und Wachperioden neu ordnet. Der den Tagen und Nächten Struktur durch ein klares Raster gibt. Der meine gewohnten acht Stunden Nachtschlaf verteilt auf die Pausen während der Freiwachen. Das ist neu und anfangs ungewohnt und anstrengend.

Das Wetter, als wüsste es, dass einige von uns mit dieser Umstellung genug zu tun haben, präsentiert sich von seiner besten Seite. Mit achterlichem Wind zwischen drei und fünf Beaufort segeln wir nach Südwesten durch den Englischen Kanal. Bald nur noch angetrieben von unseren vier Rahsegeln. Kein Klappen und Flappen von Stagsegeln mehr. Nur noch das Rollen des Schiffs in der See und das Rauschen des Wassers entlang der Bordwände.

Unter Deck wird durch die Schiffsbewegungen alles enger als es bisher schon war und an Armen und Beinen wachsen blaue Flecke – Zeichen dafür, dass ich das Schiff noch nicht kenne. Dass mir noch keine Seebeine gewachsen sind. Dass meine “eine Hand für mich” hin- und wieder den rettenden Halt verfehlt. Und manchmal krieche ich müde in meine Koje, ziehe den Schlafsack über den Kopf und rolle mich ein im engen Raum zwischen Deck, Bordwand und Matratze. Liege in diesem Cocon und verfluche leise das ständige Rumpeln und Pumpeln im Schiff, das Knarren, das Knarzen, die Schritte der anderen Wache über mir. Falle am Ende in einen unruhigen Schlaf. Und werde viel zu früh geweckt vom “Rolf, it’s quarter to four. Time to get up for your watch. The weather is dry and cool. Grab some warm clothes. We prepared fresh tea and coffee for you.” Ich wurme mich in meine Sachen. Und noch während der letzte Rest Müdigkeit die Mundwinkel nach unten zieht, steige ich den Niedergang zum Achterdeck hinauf und über mit wölbt sich samtschwarz und sternenübersät der Nachthimmel. Wie ein Scherenschnitt davor die Silhouette unseres Riggs. Im Schein des Hecklichts rauschen die Wellen heran und wie neugierige und muntere Weggefährten begleiten uns ihre kleinen weißen Schaumkämme. Keine Chance für Traurigkeit – die Mudwinkel wandern nach oben, ein breites Grinsen stiehlt sich auf mein Gesicht, die Brust wird weit und alles ist vergessen.

Wir Trainees lernen das Schiff kennen. All die Seile – die Fallen, Schoten, Stagen, Wanten – werden eins nach dem anderen erkundet. Wir erfahren, wie ein Rahsegel funktioniert und welche Funktion jedes seiner Seile hat. Und zwischendrin Brassen und Deck aufklaren. Und in den Nächten erzählen wir uns Geschichten. Von Schamanen, den Göttern des Nordens, kleinen weißen Bären auf Reisen oder aus unseren Leben.

Das gute Wetter hält an und der Wind bleibt günstig. Wir passieren Dover und die Englische Küste, immer weiter Richtung Südsüdwest nach Frankreich. Immer wieder kreuzen wir Schifffahrtslinien und Verkehrstrennungsgebiete, sind umgeben von den hellerleuchteten Kulissen der Cargoschiffe, die uns hin- und wieder so dicht passieren, dass wir sie nicht nur deutlich sehen sondern auch hören und riechen können. Die Dieselabgase wehen herüber und ich wünsche mir in diesen Momenten, es gäbe schon mehr solcher Frachtschiffe wie unseres. Denn hier riecht es höchstens nach Leinöl und dem leckeren Essen aus der Galley. :o)

Wir passieren Quessant, den westlichsten Punkt des Europäischen Kontinents, richten den Bug in östliche Richtung, Segel werden gesetzt und mit halben Wind, ohne eine einzige Wende, erreichen wir nach Mitternacht unser Ziel. Der Anker fällt ins nachtschwarze Wasser und mit ihm ein Teil Anspannung von uns ab. Als das Schiff aufgeklart ist, versammelt sich die gesamte Crew auf dem Achterdeck. Und wie in den Büchern und Seefahrergeschichten erscheint unser Kapitän mit einer Extraportion Rum. Angekommen. Wir stoßen an und eine fröhliche, ausgelassene Stimmung macht sich breit. Einziger Wermutstropfen: Zwei Tage vor unserer Ankunft wurde die Nordlys, das zweite Schiff der Fairtransportflotte, an gleicher Stelle von einem Fischerboot gerammt. Die gute Nachricht: Niemand wurde verletzt. Die schlechte: Das Schiff ist schwer beschädigt und bedarf umfangreicher Reparaturen. Wir organisieren Ankerwachen und beleuchten unser Schiff so gut wir können, um einem ähnlichen Schicksal vorzubeugen.

Douarnenez. Nachdem ich deine pittoreske Kulisse drei Tage lang vom Ankerplatz aus bewundern konnte und so manchen Landgang mit nassen Hosen nach einer feuchten Dinghipassage bezahlen durfte, liegen wir nun – nach der gelungenen Passage eines wahren Nadelöhrs von Brücke – im Port Rhu, dem Museumshafen, an der Kade. Für Montag erwarten wir weitere Fracht und schon bald heißt es wieder Abschied nehmen. Nächstes Etappenziel: Die Kanareninsel La Palma.

 

 

Picture © Toby Dowling / Fairtransport

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