Als wir La Palma in Richtung Brava verlassen, ist es Zeit aufzubrechen. Mehr als eine Woche waren wir auf der Insel und am Ende zwingt uns wieder einmal der Wind dazu, etwas länger als ursprünglich geplant zu bleiben.

Vielleicht ist es einer der typischen Widersprüche im Herzen des Seemanns, dass man sich nach Tagen an Land wünscht wieder auf See zu sein, wo man, wiederum ein paar Tage später, dem nächsten Hafen entgegenfiebert.

Diesmal bereite ich mich innerlich jedoch auf eine längere Etappe vor. Mit einem Zwischenstopp auf den Kapverden soll es endlich rüber gehen, über den großen Teich.

Auf den Kapverden steuern wir Brava, die kleinste bewohnte Insel des Archipels an. Dorthin ist vor ein paar Jahren ein Niederländer ausgewandert, für den wir ein paar Sachen an Bord haben. Außerdem soll ein Teil der Turngeräte an Bord an Schulen auf Brava gespendet werden.

Kurz vor unserer Abfahrt kommt dann vom Captain die Nachricht, dass wir nach den Kapverden nicht Brasilien anlaufen werden. Stattdessen geht es gleich rüber in die Karibik, nach Barbados. Der Grund dafür ist, dass sich das Spendenprojekt in Brasilien in Wohlgefallen aufgelöst hat. Damit gibt es keine Fracht mehr, die nach Brasilien muss und dem entgegen stehen wohl hohe Gebühren, die in Brasilien zu zahlen seien und deutlich schwierigere Überfahrten. Allerdings hatten auch drei der Trainees an Bord geplant, in Brasilen von Bord zu gehen. Teilweise mit der Absicht, dann in Brasilien weiter zu reisen, sich mit Freunden zu treffen oder anderen, festen Plänen.

Das Schiff fährt dahin, wo die Fracht hin muss, und das heißt für alle an Bord umplanen. Für mich spielt es keine große Rolle. Jetzt, wo Brasilen ausfällt, verpasse ich die legendäre Überquerung des Äquators, aber das ist eher von symbolischer Bedeutung. Brasilen und Barbados sind beides Orte, die ich nicht kenne und die mir nicht wichtig sind.

Mit teilweise neuen Plänen stechen wir also wieder in See und nehmen Kurs auf die Kapverden. Es geht nach Südsüdost, der Wind bläst kräftig, aber angenehm von hinten, und die Wetterprognosen sind gut. Endlich sind wir in den Trade Winds, die vor der afrikanischen Küste wehen.

In den ersten Tagen zeigt sich die Sonne nur wenig, aber das Wasser ist jetzt richtig warm, und schon bald stehen wir in T-Shirt und kurzer Hose an Deck. Selbst die Nachtwachen verlangen nicht mehr nach Pullover und Jacke. Uns begleiten Delphine, und an Backbord und Steuerbord springen immer wieder fliegende Fische aus dem Wasser, drehen ihre Kurven und verschwinden wieder in den Wellen. Es könnte paradiesisches Segeln sein, so wie ich mir das immer erhofft hatte. Oder besser gesagt: Manchmal ist es auch das paradiesische Segeln, auf das ich immer gehofft hatte. Allerdings schafft es die Schiffsführung, die angenehme Zeit an Deck lückenlos mit Instandhaltungsarbeiten zu füllen. Was weniger an Segelmanövern zu arbeiten ist, wird nun gestrichen, geschliffen und repariert. Wobei es nicht um notwendige Reparaturen geht, sondern um die allgemeine Instandhaltung des Schiffes, die ja auch irgendwann erledigt werden muss.

Im Grunde was das auch klar. Arbeiten am Schiff gehörte schon immer zum Paket dazu, aber zwischen La Palma und Brava wird es zur Pflicht, über deren Erfüllung mit Adleraugen gewacht wird. Ist eine Aufgabe erledigt, bekommt man zwei neue. Kein Ende in Sicht, bevor nicht der Wachwechsel ansteht, nach dem ich todmüde in meine Koje falle. Nach wie vor gibt es nicht mehr als 5 Stunden Schlaf am Stück.

Mir ist das jedenfalls zu viel, und das sage ich auch. Stoße allerdings zunächst auf Unverständnis, bis ich irgendwann klar machen kann, dass es nicht darum geht, ob ich mithelfe, sondern um den Druck der an Bord aufgebaut wird, das Gefühl nicht einmal in Ruhe eine Teepause machen zu können.

Meine Gedanken kreisen um die Frage, wohin mich meine Reise noch führen wird und wie sich die Dinge an Bord entwickeln werden. Bis wir die Karibik erreichen bin ich sprichwörtlich ans Schiff gebunden. Auf Brava, soviel konnte ich im Vorfeld über die Insel herausfinden, gibt es nur sehr wenig Infrastruktur. Wir gehen dort nur vor Anker, in einer Bucht, in der niemand weiß, ob der Anker wirklich halten wird. Vor zwei Jahren mussten sie dort schon einmal vorzeitig weg. Ich rechne damit, dort keine Internetverbindung zu haben, keinen Kontakt nach Hause und keine Auszeit vom engen und regulierten Leben an Bord. Gleichzeitig erlebe ich ein paar der schönsten Momente auf See überhaupt.

Nach sechs Tagen ist Land in Sicht. Die Insel Fogo taucht plötzlich aus dem Dunst am Horizont auf. Mächtig erhebt sich die Insel, an der wir schon viel näher dran sind als ich erwartet hätte. Vom Vulkan, der dort gerade aktiv ist, ist nichts zu sehen. Brava liegt nur wenige Meilen hinter Fogo. Ein schroffer Fels im Meer, dunkel und abweisend, kaum Grün, bis sich vor uns die Bucht von Faixa de Agua auftut. Weiße Häuser mit bunten Läden und Palmen stehen dort.

Wir kreuzen in die Bucht und lassen den Anker fallen. Er hält, so weit so gut, und der Captain wiederholt freudig, dieser Ort sei eine Art von Paradies.