DATE:21-08 GMT:19.43 POS:34.31 N,61.14 W COG:70 SOG:7

Mitte/Ende Juli war es, als ich gemeinsam mit drei anderen neuen Trainees in Boca Chica, Dominikanische Republik, zum ersten Mal das im Hafen liegende Schiff – die Tres Hombres – betreten habe. Die ersten Eindruecke: Ein wunderschoenes Schiff, eine sympathische Crew und das umgeben von einem der wohl unansehnlichsten Haefen der Karibik. In den alten Hafen von Boca Chica, einer Stadt, die sich ihren Namen nur bedingt verdient, wenn man ihr Dasein als Hotspot fuer Prostitution und Kleinkriminalitaet beruecksichtigt – verschlaegt es wohl die Wenigsten rein freiwillig.

Insofern stellen wir Trainees wohl eine Ausnahme dar. Immerhin haben wir uns das Ganze vorwiegend aus freien Stuecken ausgesucht. ‘Freiwillig?’, wird sich nun der ein oder andere Leser fragen. Ja, freiwillig. Denn das Schiff, Teil dessen Mannschaft wir in den kommenden Monaten sein werden, ist kein reiner Vergnuegungs- und Freizeitkreuzer. Es ist ein Frachtsegler, der am Warentransfer zwischen Europa und der nicht mehr ganz so neuen Neuen Welt teilnimmt. So kam es dann auch, dass der Hafen von Boca Chica ausgewaehlt wurde. Im Vordergrund standen praktische Ueberlegungen und weniger die Suche nach ein moeglichst ansprechenden Orten, die die Dominikanische Republik zeifelsohne zu bieten hat. Und letztlich haben die aufregenden ersten Tage, das fantastische Schiff mit einer noch fantastischeren Mannschaft die etwas triste Kulisse mehr als wett gemacht.

Aber zurueck zum Wesentlichen. Die meisten Leser werden sich fuer das Leben und Arbeiten auf dem rein vom Wind betriebenen Frachtsegler Tres Hombres interessieren. Dieses besteht im Kern aus zwei Dingen: Dem Segeln und der Fracht.

Waehrend ueber das Segeln und die Arbeiten der Seemannschaft so ziemlich alles gesagt wurde – ja, das Meer bzw der Ozean sind je nach Wetterlage und Seegang mal beruhigend, unterhaltsam, anregend, wild, imposant aber immer atemberaubend sowie wunderschoen und man kann ruhigen Gewissens sagen, dass Melville, Hemmingway und Co, wenn auch romantisierend, nie zu sehr uebertrieben haben – geraet der Aspekt der Fracht und des Warenhandels stets etwas in Vergessenheit. Zu Unrecht, wie nach einigen Tagen des Verladens, Vertauens und Sicherns deutlich wurde.

Das besondere am Frachsegler Tres Hombres ist, dass man sich dem emissionsfreien Handel mit fair gehandelten und nachhaltig produzierten Waren verpflichtet hat. Dass es hierbei um mehr geht, als um reines Marketing, davon konnten wir uns in Boca Chica aus erster Hand ueberzeugen. Mit fast 15 Tonnen Ladung, darunter saeckeweise Kakao und Kaffe, Melasse und diverse Eichenholzfaesser mit Rum, hat das Schiff in der Karibik den Grossteil seiner Ladung fuer Europa aufgenommen.

15 Tonnen Fracht, das bedeutet Knochenarbeit fuer die gesamte Mannschaft. Zumal die Ladung in traditioneller Weise, das heisst ohne moderne technische Hilfsmittel wie Motoren und Winschen, ausschliesslich mit Muskelkraft und Flaschenzuegen in den Frachtreaum gebracht wird. Bei konstant ueber 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit echte Schwerstarbeit.

Der Verladeprozess spielt sich im Kern an zwei Orten ab. An Deck und im Laderaum selbst. Das wichtigste Hilfsmittel an Deck sind die Flaschenzuege, die sich in den beiden Masten des Schiffes befinden. Insbesondere bei den rund 250 Kilo schweren Eichenfaessern ist Vorsicht geboten. Mit den Kommandos ‘Pull on the fore’, ‘Pull on the aft’ und ‘Pull on the whip’ werden die Faesser langsam von Land in Richtung Laderaum gebracht. Schweisstreibende Arbeit fuer die jeweils drei Crewmitglieder an jedem der drei Taue. Erst wenn aus dem Laderaum das erloesende ‘Touchdown’ ertoent, ist Zeit fuer ein kurzes Durchatmen. Mit dem eher traegen American Football hat das Ganze aber nichts zu tun. Immer wieder aufkommende Hitzegewitter setzten die Mannschaft unter zusaetzlichen Zeitdruck. Feuchtigkeit ist Gift fuer die erlesene Gueter. Und jeder, der einmal erlebt hat, wie es sich anfuehlt, wenn zwischen Blitz und Donner keinerlei Unterbrechung mehr liegt und man dennoch unter freiem Himmel verweilen muss, wird das berueckende Gefuehl kennen. ‘Stay away from the shrouts and the masts’ – ‘Haende weg von den leitenden Teilen der Rigging, das waren die immer wieder zu vernehmenden Worte des Kapitaens. Anfangs sorgte das Ganze noch fuer ein muedes Laecheln. Aber einen Knall und einen Todesfall spaeter stand uns allen der Schrecken im Gesicht. Glueck im Unglueck: Es war nur ein kleiner Vogel, der der Naturgewalt zum Opfer fiel. Mit einem traditionellen franzoesischen Seemannslied und ohne Rosen wurde das Opfer sodann feierlich einem nassen Grab uebergeben.

Von dem Drama haben die Jungs und Maedels im zeitweise wasserdicht verschlossenen Laderaum wenig mitbekommen. Hier war man schwer damit beschaeftigt, die Faesser und Saecke seesicher – im Worstcase ist mit bis zu 10 Meter Wellen zu rechnen – zu verstauen. 50 Kilo Kaffe- und 70 Kilo Kakaosaecke, die Faesser und als einziges Hilfmittel einen mobilen Flaschenzug. Kein einfacher Job bei enormer Hitze und ohne Luftzirkulation. Hinzu kommt die absolute Finsternis, wenn der Laderaum wegen Regens verschlossen ist. Licht spendet dann nur die Taschenlampe. Das Unterfangen hatte etwas vom Videospielklassiker Tetris. Ebene um Ebene wurden die Gueter rutschfest verstaut. Und das mit steigendem Schwierigkeitsgrad. Immer schneller wurden die Saecke in den Laderaum gebracht. Hielt man mit dem Verstauen anfangs noch gut mit dem Tempo der Deckmannschaft mit, zollte man dem rasanten Stakkato, in dem die Saecke wegen des schlechter werdenden Wetters in den Laderaum flogen alsbald Tribut. Game Over bedeutete das jedoch keineswegs. Es erschwerte das Vertauen nur zusaetzlich. Es gab aber auch eine tolle Entschaedigung. Der Duft frischer Kakao- und Kaffebohnen machte die Strapatzen und die Hitze ertraeglicher.

Eine weitere willkommene Abwechslung waren dann auch die regelmaessigen Pausen. Besonders interessant: Mitarbeiter der Kakao- und Kaffeeplantagen, die gekommen waren, um sich den Verladeprozess und das Schiff anzuschauen, standen fuer Gespraeche und Fragen bereit. Es ist schoen zu sehen, dass es noch Produkte gibt, bei denen man Einblicke in alle Teile der Produktions- und Lieferkette erhaelt.

Nach einer knappen Woche war der Verladeprozess dann auch abgeschlossen. Die Vorfreude auf die grosse Ueberfahrt ist in dieser Zeit stetig gewwachsen. Trotz aller Muehen war die Arbeit rund um den Verladeprozess mehr als lehrreich und interessant. Es steckt viel Arbeit und Energie hinter den Produkten, die wir in Europa, exportiert aus Uebersee, erwerben. Das gilt fuer den konventionellen Transport genauso wie fuer die Produkte, die mit dem Frachsegler Tres Hombres ueber den Ozean gebracht werden.

Trainee Dennis Stratmann

GENERAL SYNOPSIS: ON BOARD THE TRES HOMBRES

WIND DIR & SPD:SSW 4

CURRENT DIR:

CLOUDS:4/8

SEA STATE:moderate

SEA TEMP:27.8

AIR TEMP:31

AIR PRES:1019

Sustainable transport over sea. Tres Hombres, Nordlys, Ecoliner, Clippership, Noah, Fairtransport, Fairtrade, Logbook, shipping news.