Es ist 1.30 Uhr in der Nacht – local time, das heißt Schiffszeit. Wir befinden uns 29°29′ N 54°14′ W und damit fast genau in der Mitte des Atlantik, zumindest auf halber Strecke zu unserem bereits zu Europa zählenden Ziel Horta auf den Azoren. Wir rauschen mit 7 Knoten bei ca. 3-4 Bft. auf Halbwindkurs durch die Nacht, über uns, wie fast jede Nacht, der gewaltige Sternenhimmel, um uns herum nichts als Wasser, das in der kraftvollen Bewegung lang auslaufender Wellen unser Schiff hebt und senkt – und uns mit ihm.
Ich sitze in der kleinen galley (Kombüse) auf dem Vordeck, mir gegenüber Susann (eine andere Trainee), die mit Segelgarn Ummantelungen für die Feuerlöscher an Bord näht. Michael (Trainee seit sechs Monaten) knetet den Teig für das allnächtlich frisch zuzubereitende Brot des nächsten Tages. Am großen Steuerrad achtern steht Lis (Deckhand), begleitet und unterhalten von Daniel (Deckhand). Anne-Flore, Erste Mat, studiert im Kartenraum Kurs und Windvorhersage und köpft anschließend eine Kokosnuss als Mitternachtssnack für uns.
Wir sechs sind die Backbordwache und haben heute von 0.00 bis 4.00 Nachtwache. Von 4.00 bis 8.00 sind dann die anderen sechs von der Steuerbordwache dran. Der Wachrhythmus folgt hier dem so genannten schwedischen System und besteht in einem Wechsel von 6-stündigen Tages- und 4-stündigen Nachtwachen. Es hat den Effekt, dass im regelmäßigen 48-Stunden Takt jede*r einmal mit jeder Wache dran ist. Allerdings führt das auch dazu, dass im schnellen Wechsel der Wach- und Schlafphasen die Tage irgendwie ineinander zu fließen scheinen.
Wenn mich eine der freundlichen Stimmen von Myriel oder Tibor von der Steuerbordwache liebevoll, aber nachhaltig aus dem Tiefschlaf holt, bin ich nie ganz sicher, ob es Tag oder Nacht ist bzw. welche Wache nun gerade für mich beginnt, geschweige denn, welchen Wochentag wir gerade haben. Jorne, unser Captain, nannte das zu Beginn „a kind of long meditation“. Und tatsächlich fühlt sich das schon nach wenigen Tagen so an.

Seit 11 Tagen sind wir unterwegs. Wenn der Wind in Stärke und Richtung so günstig bleibt wie im Moment, sind es mindestens noch 10 weitere Tage bis Horta; wenn nicht, können es aber auch noch 15 oder gar 18 werden… Dieses Nichtwissen, die Unplanbarkeit, gehören zu dieser Reise wie der Geschmack von Erdnussbutter auf frischem Sauerteigbrot, der Geruch von nassem Holz und Kakao (wir haben an die 200 Säcke a 70 kg Kakao-Bohnen geladen) oder das Gefühl von Sonne, Wind und salziger Kleidung auf der Haut. Es ist eine ganz eigene kleine Welt, in der wir hier leben, ständig herausgefordert von den Bewegungen des Schiffes, machtvoll umgeben von diesem ganz besonderen Blau des Atlantik und der atemberaubenden Weite des Himmels. Kein Fleckchen Land verstellt den Blick zum Horizont, tagelang war nicht einmal ein anderes Schiff zu sehen. Jede kleine Veränderung wird so zur großen Attraktion: ein fliegender Fisch, der an Deck springt, Sonnenauf- und Sonnenuntergang, der Geburtstag eines Crewmitglieds, eine Sternschnuppe, die langsam in majestätischem Bogen über den Himmel zieht, der nächtliche Wechsel des Mondes oder ein Wal, der in großer Entfernung spielend mit seiner Flunke auf’s Wasser schlägt… Und natürlich auch jedes Segelmanöver!

Für uns Trainees sind letztere besonders aufregend, weil wir auch nach 10 Tagen noch absolute „greenhorns“ sind und kaum übersehen können, was zum Beispiel bei einer Wende alles geschieht und zu tun ist. Das Schiff hat immerhin 13 Segel unterschiedlicher Größe, Form und Funktion. Und jedes davon hat drei bis sechs Leinen, mit denen es geführt, gesetzt, geborgen oder getrimmt wird. Das bedeutet, dass es zunächst einmal 60 bis 70 verschiedene Begriffe, allein für die Segel und die Leinen zu lernen gibt sowie ihre Platzierung an Deck, die du möglichst auch in stockfinsterer Nacht ohne Beleuchtung finden solltest. Dazu kommt, dass beispielsweise die Rahsegel ganz anders bedient werden als die Vorsegel und diese wieder anders als das gaffelgetakelte Großsegel usw. Kurz, es gibt enorm viel zu lernen. Und zu staunen! Über die Eleganz und Perfektion, mit der die Stammcrew diese Manöver fährt.
Mitten in der Nacht bei strömendem Regen, 5 Windstärken und entsprechender See mal eben das Royal (das höchste Rahsegel) bergen und dafür in den 22 Meter hohen, wild schwankenden Mast steigen? Kein Problem für Lis, die in Windeseile oben ist und das genießt! Oder – um es mit einem der Lieblingssprüche hier zu sagen: „Unmögliches erledigen wir sofort. Wunder dauern etwas länger.“ – Sie sind so eingespielt, so „in tune“ mit dem Schiff und sich selbst, dass es ihnen dabei sogar noch gelingt, uns herumtapsende Neulinge in jeder Aktion zu integrieren und mit Engelsgeduld anzulernen.

Und damit bin ich beim vielleicht wichtigsten oder erstaunlichsten Aspekt dieser Reise: die Crew. Damit meine ich jetzt erstmal uns alle, die wir hier in der Mitte des Atlantik auf diesem kleinen Schiff zusammengekommen sind. Wir sind 14 Leute, sieben Frauen, sieben Männer, aus acht verschiedenen Ländern mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, Lebensgeschichten und Persönlichkeiten. Und man könnte denken, dass das Konfliktpotential recht groß ist – auf so engem Raum ohne Ausweichmöglichkeiten in einer außergewöhnlichen Lebenssituation mit Menschen, die sich kaum kennen und noch dazu manche Sprachbarrieren zu überwinden haben. Eigentlich ist das der klassische Nährboden für Missverständnisse, Konkurrenz, Koalitionen und sozialen Stress aller Art. Aber nichts davon geschieht hier. Im Gegenteil. Es herrscht durchgehend eine Atmosphäre von Offenheit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Interesse am jeweils anderen.
Natürlich: Wir wissen, dass wir mit Leib und Leben aufeinander angewiesen sind, und wir kommen uns ähnlichen Gründen auf das Schiff. Uns verbindet die Faszination des Segelns, die Liebe zum Meer und die Vision eines natürlichen und um Nachhaltigkeit bemühten Lebens. Aber ich glaube, neben diesen Gemeinsamkeiten gibt es noch etwas anderes, und das ist vielleicht so etwas wie eine bestimmte Gruppenkultur, der wir Trainees hier schon begegneten, als wir auf das Schiff kamen. Dazu gehört zum Beispiel der Umgang mit Fehlern. Hier muss sich keiner schämen, etwas falsch zu machen oder fünfmal nach der gleichen Leine zu fragen. Jede Frage wird geduldig beantwortet, jede Aktion oder Aufgabe ausführlich erklärt, und wenn etwas schief geht, wird das mit einem beiläufigen „nicht so schlimm“ kommentiert, rasch in Ordnung gebracht und anschließend ausführlich besprochen und neu trainiert.
Es gibt auch keinen Tratsch hinter vorgehaltener Hand. Wenn jemand genervt ist oder sich gestört fühlt, wird das entweder direkt und sachlich angesprochen oder – wenn es alle betrifft – bei den täglichen Runden. Und es gibt viel Anerkennung. Jeder kleine Fortschritt, zum Beispiel beim Klettern, wird gefeiert, jeder richtige Handgriff mit einem „nice“ quittiert, jede eigene oder neue Idee erst einmal dankbar aufgenommen.
Die Atmosphäre, die so entsteht, ist schwer zu beschreiben. Lenno fand in einer der Runden ein neues Wort dafür. Wir seien nun, sagte er, seine „crewmily“ (crew + family).
Also, liebe crewmily! Ich danke euch allen, vor allem aber euch von der Stammcrew, schon jetzt – in der Mitte des Atlantik – für diese ganz besondere Reise, für die Endlosigkeit des Meeres und des Himmels, für das Rauschen an der Bordwand, das Gefühl rauen Tauwerks in den Händen… und für das Erlebnis Menschlichkeit!

Beate , trainee

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