DATE: 15-10-16 GMT: 08-30 POS: 49-25.9 N, 002-55.7 W COG: 050 SOG: 4.6
Eine Atlantikueberquerung im Herbst – Irgendwas zwischen ‘Highway to Hell’ und ‘Stairway to Heaven’

Am 24. September 2016 war es soweit. Nach fast drei Wochen in Lunenburg – die Hurricanesaison hat uns zu einem unerwarteten aber keinesfalls unangenehmen Zwischenstopp an der kanadischen Atlantikkueste gezwungen – war es endlich soweit: Nachdem das Schiff in optimalen Zustand gebracht, alle von Wind und Wetter in Mitleidenschaft gezogenen Segel genaeht und die Vorraete aufgestockt wurden, hiess es endlich ‘Leinen los, raus auf den Atlantik und immer weiter gen Osten’. Heute, am 15. Oktober, nach fast 3.000 nautischen Meilen, ist es fast vollbracht. Wir befinden uns aktuell mitten im Aermelkanal und sind nur noch wenige Stunden von Le Havre, unserem naechsten Ziel entfernt. Der Atlantik ist ueberquert. Hinter uns liegen 21 anstrengende Tage.

Dass es keine einfache Ueberquerung wird, war von vornherein klar. Der Atlantik ist im Herbst alles andere als ein ruhiges Gewaesser. Zu den fuer die Saison ueblichen und bisweilen starken Herbststuermen aus noerdlicher Richtung kommen die von den warmen suedlichen Gewaessern beguenstigten Tropenstuerme und Hurricanes. Beide Wetterphaenomene wirken exakt auf der von der Tres Hombres angestrebten Route nach Europa. Waehrend der Kapitaen also Wetterdaten und Vorhersagen studierte, um nach einem optimalen und insbesondere sicheren Zeitfenster fuer die Ueberquerung zu suchen, war die Mannschaft stets auf Standbye. Entsprechend erleichtert und euphorisch war man dann, als es endlich hies: Die Winde sind guenstig, Uerbermorgen geht es los.

Das Auslaufen aus dem Hafen in Lunenburg war dann auch entsprechend standesgemaess. Viele unserer neuen Freunde, Einheimische und Touristen beobachteten uns beim Segelsetzen und gaben uns neben den besten Wuenschen die ein oder andere kulinarische Spezialitaet und andere Abschiedsgeschenke mit auf den Weg. Keiner von uns wird Lunenburg und die atemberaubende Gastfreundschaft der Menschen je vergessen.

Aber zurueck zu unserem Kerngeschaeft. Nachdem alle Segel gesetzt waren, wurden wir von Kapitaen und Steuermaennern ueber den Plan und die Rahmenbedingungen informiert. Wir wuerden versuchen moeglichst schnell auf den atlantischen Highway – eine schmale Schneise ungefaehr zwischen den Breiten 40-45, auf denen im Herbst Tiefdruckgebiet auf Tiefdruckgebiet vom amerikanischen Kontinent in Richtung Europa ziehen – zu gelangen und so moeglichst schnell und auf direktem Wege ueber den grossen Teich zu kommen. Moeglichst schnell… Tiefdruckgebiete… Was bedeutet das fuer die Mannschaft eines rein durch den Wind betriebenen Schiffes? Na klar: Graue Wolken, Starkwind, Regen und Wellengang. Echtes atlantisches Segelwetter eben. Letztlich genau das, was viele Crewmitglieder sehen wollen. Und wir sollten nicht enttaeuscht werden; das erste Tiefdruckgebiet von insgesamt drei starken Tiefdruckgebieten auf unserer Reise lies nicht lange auf sich warten.

Fuer viele von uns war es das erste Tiefdruckgebiet auf dem Atlantik – und es war zweifelsohne eine einschneidende Erfahrung. Innerhalb kurzer Zeit wird der vormals blaue und von schoenen ‘Cirrusclouds’ gespickte Himmel von einer dichten grauen Wolkendecke bedeckt. Der Wind wird zusehends staerker und spuerbar kuehler, das monotone Pfeiffen des Windes und das schlagen der Wellen ueberdecken alle Nebengeraesche und erschweren die Kommunikation. Fuer die Mannschaft beginnt spaetestens jetzt die harte seemaennische Arbeit. Die Schoenwettersegel – Gafftopsail, Main Upper Topmast Staysail, Outter Jib – werden als erstes niedergeholt. Es folgt das Royal, das hoechste unserer Squaresails am Foremast. An diesem Punkt ist der Wind in der Regel schon relativ stark – Windstaerke 6 und mehr – und das Schiff kraengt durchaus eindrucksvoll in der nicht mehr wirklich ruhigen See. Eine Seefrau oder ein Seemann muss dann mehr als 25 Meter rauf in den Mast um das Segel sturmfest zu falten. Nervenkitzel pur, aber auch ein grosser Spass. Besonders wenn man  wieder das Deck unter den Fuessen spuert. Ist mit besonders starken Winden zu rechnen, sind ausserdem die Segel – allen voran das Topsail – zu reffen, sprich die Segelflaeche zu verkleinern. Eine Arbeit, die tatsaechlich die Kraft aller Mannschaftsteile erfordert.

Die Zeit in den vom Tiefdruckgebiet gebrachten Starkwinden – wir haben bis zu Windstaerke 8 erlebt – laesst sich mit einem Wort umschreiben: intensiv. Waehrend der Wache ist es nass, kalt und ungemuetlich. Trotzdem ist der Ozean auch unter diesen Konditionen auf seine eigene Art wunderschoen. Waerme spendet die ein oder andere Tasse Tee und die von der Koechin mit viel Liebe trotz Wind und Wetter tadellos zubereiteten Suppe. Wirklich beeindruckend, mit welcher Ruhe und Gelassenheit die gute Seele an Board trotz widrigster Bedingungen die herrlichsten Gerichte gezaubert hat. Die kleine Kombuese an Deck wird zum Lieblingsort der Mannschaft, wo sie sich einen kurzen Moment aufwaermen und Kraft tanken kann, bevor es zurueck auf das stuermische Deck oder das feuchte, trotzallem irgendwie gemuetliche Forcastle – dem Ort im Bug des Schiffes, in dem der groesste Teil der Mannschaft schlaeft – geht. In der stickigen Luft liegt der Geruch feuchter Wollkleidung, hier und da rinnt ein wenig Meerwasser von der Decke und die Bewegungen durch Wind und Wellen erschweren es den so dringend benoetigten Schlaf zu finden. Bei all diesen grossen und kleinen Widrigkeiten wird aus besagtem Highway dann schnell ein gefuehlter Highway to Hell. Insbesondere in den nasskalten Nachtwachen zwischen 04:00 und 08:00.

So schnell das Tiefdruckgebiet kommt, so schnell geht es dann auch wieder. Und wenn die Wolkendecke aufreisst und die ersten warmen Sonnenstrahlen – bestenfalls bei einem schoenen Sonnenaufgang – das Gesicht waermen, sind alle Widrigkeiten schnell vergessen. Wenn dann noch die Reffs aus den Segeln entfernt, die Schoenwettersegel bis hin zu Watersail und Flying Jib gesetzt sind und das Schiff unter vollen Segeln mit bis zu 10 Knoten dem Sonnenaufgang entgegensegelt, sind die Strapatzen schnell vergessen. Zumindest bis zum naechsten Tief. Und so sah dann unsere Routine auf dem Atlantik bislang aus. Tiefdruckgebiet, Starkwind, hohe Geschwindigkeit gen Osten. Dann ein bis zwei Tage Erholung, Kleidung trocknen, Schlafraume lueften, vom Wind in Mitleidenschaft gezogene Segel, Falle, Schoten reparieren und kosmetische Verbesserungen vornehmen. Und dann das ganze Spiel von Anfang an. Bis hinein in den Aermelkanal, wo wir aktuell sind.

Es waren fantastische, wenn auch wirklich anstrengende Tage und Wochen. Die Erfahrungen, die ein jeder von uns gemacht hat, sind einmalig und unvergesslich. Jetzt sehnen wir uns nach einigen Tagen in Le Havre. Besonders nach Rotwein, Calvados und gutem Kaese. Und vielleicht einer warmen Dusche. Aber auch in Le Havre wartet Arbeit. Der Laderaum ist voll und in Frankreich gehen die ersten Gueter, darunter Wein, Kaffee, Rum und Kakao an Land. Es geht also weiter auf der Tres Hombres.

Denis, Trainee.

GENERAL SYNOPSIS: ON BOARD THE TRES HOMBRES
WIND DIR & SPD: South by East, 10-15 knots
CURRENT DIR: Northerly
CLOUDS: 5/8 Covering from the south
SEA STATE: Slight
SEA TEMP: 16.7 C
AIR TEMP: 13.5 C
AIR PRES: 1006 hPa

Sustainable transport over sea. Tres Hombres, Nordlys, Ecoliner, Clippership, Noah, Fairtransport, Fairtrade, Logbook, shipping news.